Ein Bericht von Jutta Mosbach
"Lijevo, lijevo!" Jovana dreht selbstbewusst das Steuerrad nach backbord. Gerade noch Landratte ist die Elfjährige soeben zu Steuerfrau der "Blue C", einer Gibsea 442, avanciert. Vier Jugendliche und zwei Betreuerinnen sitzen mit ihr im Cockpit - mit Skepsis im Blick. Die jungen SeglerInnen sind bosnische Serben, während des Balkankrieges nach Serbien geflüchtet und alle sind zum ersten Mal auf dem Meer. Das Boot ist auf dem Weg nach Sali zum Treffpunkt für die mobilkom austria friedenflotte mirno more 2003.
46 Boote mit mehr als 300 TeilnehmerInnen aus 25 Nationen werden sich dort im Hafen treffen, um in der folgenden Woche gemeinsam ein Zeichen für Frieden, Völkerverständigung und Toleranz zu setzen - 46 Friedensflaggen werden eine Woche in der Adria wehen. Die Crews sind überwiegend Kinder und Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen in Österreich. Dazu kommen Besatzungen aus Kroatien, Bosnien, Serbien und anderen Ländern sowie zahlreiche Behindertencrews. Auf manchen Booten sind bis zu 6 Nationalitäten versammelt! Gemeinsames Anpacken ist gefragt, die Boote sollen mit den Jugendlichen gesegelt werden. Dass da nicht viel Platz für Vorurteile und Intoleranz bleibt wird den meisten schnell klar. Es braucht auch nur ein paar Tage, damit die ersten Freundschaften - auch über die eigene Reling hinweg - geschlossen werden. "Mirno More" heißt friedliches Meer und die Flotte wächst seit 1994 jedes Jahr um ein paar Boote. Das Konzept hat seine Bewährungsprobe bestanden.
Wer bei der mobilkom austria friedensflotte mirno more 2003 mitfährt hat seine eigene Geschichte. Günther ist Mitbegründer der Idee und war schon bei der ersten Flotte als Skipper dabei. Sergeja, Davor und Senka sind 1994 als Flüchtlingskinder mitgefahren - heute unterstützen sie die Organisation der Flotte, ermöglichen ihre Erfahrungen auch nachfolgenden Generationen. Auch eine Crew des Sportgymnasiums Maria Enzersdorf ist wieder dabei - sie teilt sich zwei Boote mit einer Wohngruppe aus dem Burgenland wobei die BewohnerInnen der Sozial-WG von den SchülerInnen des Gymnasiums eingeladen worden sind.
Eine kräftige Bora zum Einstand zeigt der Crew "von wo der Wind" weht an Bord. Alles seefest verstauen, Schwimmwesten anlegen und einhängen. Martin, der Skipper, verbreitet mit ruhigen Anweisungen Gelassenheit an Bord. Das ganze in drei Sprachen - Englisch, Deutsch und Serbisch - kein Crewmitglied kann alle drei Sprachen. Immer ist eine Übersetzung nötig, ein klein wenig Babylon an Bord. Geduldig erklärt er wie viel Lage ein Boot verträgt, warum reffen eine gute Strategie ist und dass steuern am besten gegen Seekrankheit hilft. Der Skepsis an Bord folgt Interesse und Entspannung. Zwei Stunden später ist fast allen flau im Magen, jeder reißt sich ums Steuern, aber da ist Sali schon erreicht. Die Crew verlässt fluchtartig das Schiff und lässt sich auf der Kaimauer nieder - für's erste reicht's, die Feuertaufe ist bestanden. Der Rest der Reise wird ruhiger.
Die Friedensflotte lebt aber nicht nur vom Segeln allein. Über den "flotteneigenen" Funkkanal werden tagsüber schon Schiffspositionen mit den neuen Freunden verglichen und Treffpunkte für den Abend ausgemacht. Nicht zu vergessen das Flagrace bei dem immer drei Boote gemeinsam gegen andere zu Wettpaddeln, Olympischen Spielen und Fragebogen lösen antreten. Die Crew der "Blue C" nutzt eine wolkenlose Nacht in Zut zum Sternenspaziergang. Deutsche, englische und serbische Begriffe für Sternbilder werden verglichen und unter Gekichere neue erfunden. Auf dem Rückweg stolpert man quasi über die Gruppe aus Sarajevo - weithin hörbar werden - von jetzt an jeden Abend - gemeinsam Lieder gesungen, getrommelt und gespielt. Bosnisch, serbisch oder kroatisch - wen interessiert das noch wenn der Beat stimmt.
"Ein herzliches Danke schön an alle unsere Helfer und an den Bürgermeister von Sali!" Die Friedensflotte ist bei ihrem Abschlußfest angekommen. Noch einmal sind alle FlottenteilnehmerInnen in Sali zusammen. Der richtige Platz, um sich für die unermüdliche Arbeit von vielen Ehrenamtlichen und die Unterstützung durch Sponsoren wie mobilkom austria, Baumax oder Capital Invest zu bedanken, ohne die eine derartige Veranstaltung nicht möglich ist. Es ist aber auch der richtige Platz für den Rückblick auf die Flotte. Mit Breakdance, Rap, Theater und Musik werden die Ereignisse der Woche noch einmal aufgerollt. Anfeuerungsrufe zeigen, dass während der Woche tatsächlich Freundschaften geschlossen wurden. Der gemeinsame Auftritt der Jugendlichen aus Bosnien, Serbien und Kroatien beeindruckt auch die Bewohner von Sali, der Grundgedanke der Flotte wird greifbar.
Was bleibt? "Es ist unglaublich, wie sich die Jugendlichen in einer Woche verändern. Da wird ein zögerndes Lächeln zu einem herzlichen Lachen - die Gruppe ist wirklich viel offener und lockerer geworden," freut sich Svetlana, die Betreuerin der serbischen Jugendlichen. Und nicht nur das. Martin kann jetzt "die rechte Ecke der kleinen Insel" fließend auf serbisch, Srdjan denkt an eine "wonderful week" zurück und hofft auf das Wiedersehensfest in Wien und Ljubica, die am Samstag noch den Weg über die Pasarella scheute, turnt am Freitag "einfach so" über die Vorleine an Land.
Als die "Blue C" am Freitag den gemeinsamen Hafen verlässt legt auch die bosnische Gruppe gerade ab. Auf Wunsch der beiden Crews geht's noch ein Stück gemeinsam "längsseits" auf's Meer hinaus. Die Gitarren kommen an Deck und Bosnier und Serben - Muslime und Christen singen ein letztes Mal in dieser Woche ein gemeinsames Lied über "Sarajevo". Und in den Augen des Kroaten Ivan - strenger Skipper der Bosnier - wurde angeblich eine Träne gesichtet.
Jutta Mosbach, Roterdstrasse 31/1, 1160 Wien



